Denkanstoß/Freiraum/Stadtentwicklung: Heidelberg

Die Geschichte vom Regenpfeifer

Es war einmal ein kleiner Vogel, ein Flussregenpfeifer, der flog suchend über die Metropolregion Rhein-Neckar. Suchend, weil es Frühling war. Und weil er ganz dringend einen geeigneten Platz für ein Nest brauchte, schließlich war es höchste Zeit, Eindruck auf eine Artgenossin zu machen, damit sie zusammen für Nachwuchs sorgen konnten. Wie viele andere Tiere, so brauchen auch Flussregenpfeifer fürs Leben und Sichfortpflanzen ganz spezielle Bedingungen, kiesigen Boden nämlich, mit flachem Wasser in der Nähe und mit nackter Erde und ein bisschen Gestrüpp. Aber wo um Himmels willen sollte er so etwas im Rhein-Neckar-Dreieck finden?

Es trug sich zu, dass der Pfeifer gerade über die schöne Stadt Heidelberg hinwegsegelte. Dort unten wohnten und arbeiteten ganz viele Menschen, und viele weitere wollten ein Gleiches tun. Doch dafür reichten die Wohnungen gar nicht alle. So waren sie belegt oder zu teuer, sodass die ganzen Menschen in die Dörfer der Umgebung zogen, weshalb auch diese immer größer wurden und nun beinahe nicht mehr voneinander zu unterscheiden waren, weil all die Neubaugebiete und Gewerbegebiete ineinander übergingen und obendrein noch überall gleich aussahen. Neben jedem Gebäude gibt es da jede Menge Asphalt und knochengepflasterte Wege, ganz viele kurzgeschorene Rasenflächen, Thujahecken und Ziergehölze – alles dies, aber eben keinen Kies mit Dreck und kein Flachwasser. Pech für den kleinen Piepmatz!

Doch plötzlich erspähte der Flussregenpfeifer doch etwas ganz Wunderbares unter sich: ein Stück Brachland mit einem großen und mehreren kleinen Tümpeln, mit Schotterflächen, mit nackter Erde und mit ein paar kleinen Büschen! „Nichts wie runter“, dachte er sich, und er fand tatsächlich eine gute Stelle für eine Nistkuhle. Bald stellte sich auch eine schmucke Regenpfeiferin ein, die Gefallen an ihm fand. Und so kam es, dass die beiden ihre neue Familie auf „Baufeld F2“ der Heidelberger Bahnstadt gründeten, nicht ahnend, dass die Menschen dafür eigentlich schon die Funktion „Einkaufen“ vorgesehen hatten.

Das Brutgeschäft lief voll nach Plan. Die Regenpfeiferin legte vier Eier in die kleine Mulde zwischen den schönen Kieselsteinen; Eier und Steine sahen fast gleich aus, sodass sie von den auf Baufeld F2 umherwieselnden Eierräubern geflissentlich übersehen wurden. Pfeifer und Pfeiferin wechselten sich beim Brüten ab, und bald schon schlüpften die Jungen, wurden, von Mama und Papa gut genährt, groß und kräftig, lernten alles, was sie fürs Leben wissen mussten. So machte sich die kleine Familie eines Tages auf und davon in alle Winde und hin zu Gegenden, wo sie zum Leben und Futtersuchen auch ohne Flachwasser, Kies und schönen Dreck klarkamen.

Was die kleinen Vögelein nicht ahnten: Im Baufeld F2 war ihr Brüten nicht unbemerkt geblieben. Heidelberger Naturschützer hatten die Regenpfeifer beobachtet und sich ganz toll gefreut, dass diese Tiere doch noch in Heidelberg einen Lebensraum gefunden hatten. Nur zu gut wussten die Naturschützer: Der Mangel an vernünftigen Lebensräumen zieht einen Mangel aller Arten Getier und Gepflänz nach sich – so will es das Gesetz der Natur. Und so sorgten sie sich nun, dass die kleine Lebensinsel der Regenpfeifer gestört oder gar zerstört werden könnte durch umherstreifende, Müll ablagernde oder Baustellengerät zwischenlagernde Menschen. Und weil der Regenpfeifer nach dem Bundesnaturschutzgesetz eine „streng geschützte Art“ war, mussten den Naturschützern die Behörden und Ämter sogar beim Schutz der Flächen helfen. So kam es, dass Baufeld F2 durch einen stabilen Zaun vor dem Betreten geschützt wurde. Was unsere Regenpfeifer alles gar nicht mitbekamen …

Nun kam aber der Tag, an dem die Fläche mit dem Regenpfeifer-Habitat unbedingt entwickelt werden wollte, denn das hatten ihr Planer, Architekten und Investoren doch versprochen! Also wurde im nächsten Jahr ein wunderschöner Bebauungsplan mit einem Riesen-Möbelhaus für Baufeld F2 aufgestellt. Und weil in Deutschland Demokratie und Bürgerbeteiligung und Rechtssicherheit herrschen, durften viele Menschen dazu noch Anregungen und Bedenken einbringen. Auch die Naturschützer durften etwas sagen, und so sagten sie, dass man den Regenpfeifern für den Verlust ihres Lebensraums einen Ausgleich anbieten müsse, und dass man sie bitte nicht während der Brutzeit durch Bauarbeiten von ihrem Gelege verscheuchen dürfe. Denn genau da, wo sie gebrütet hatten, sollte ein Ehrfurcht gebietender Konsumtempel errichtet werden, in dem die Heidelberger und alle aus den Nachbardörfern ganz viel Freude haben sollten.

Weder Regenpfeifer noch Naturschützer vermochten zu sagen, wie lange der Regenpfeifer-Brutplatz auf F2 noch bestehen würde. Solange die Menschen eifrig planten, kamen die Vögel Jahr für Jahr wieder. Auf den Platz, der ihnen doch eigentlich gar nicht gehört, aber das wussten sie ja nicht. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann brüten sie dort auch wieder im nächsten Jahr. Doch dies könnte dann ihr letztes Frühjahr dort sein: Die Pläne der Menschen sind schon bald fertig, die Baumaschinen laufen sich schon schon warm, und das Geld wartet darauf, ausgegeben zu werden.

Und die Regenpfeifer? Sollen sich halt auf die Suche nach ihren Ausgleichsflächen machen … (gk)

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Ein Kommentar zu “Die Geschichte vom Regenpfeifer

  1. Ob man das große Möbelhaus in Heidelberg wirklich braucht ist aus meiner Sicht sehr fraglich. Der Regenpfeifer verliert seine Heimat, Frischluftschneisen werden verbaut, die Stadt wird im Sommer noch heißer … Und für was? In der Umgebung gibt es bereits genügend Möbelhäuser, in Mannheim sogar einen XXXL!

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