Denkanstoß

Gerechtigkeit 3.0

Wegweiser Basisgüter

Steil nach oben: hier geht es lang für alle!

Im Juni waren Flüchtlinge bereits unser Thema – mit der rührenden Geschichte von Saad aus Syrien. Inzwischen hat sich die Situation noch gewaltig weiterentwickelt. Seit Monaten steuern Scharen von Menschen, aus aller Herren armen, in Krieg und Terror versinkenden oder auf andere Weise unwirtlichen und lebensbedrohlichen Weltregionen kommend, derzeit Europa und insbesondere Deutschland an. Auch in Heidelberg, der ersten und bis vor Kurzem sogar einzigen Erstaufnahmestation Baden-Württembergs für Flüchtlinge, ist die neue Realität längst angekommen: Im Stadtbild fallen die vielen Passanten, denen man anmerkt, dass sie sich irgendwie (noch) nicht so richtig hierher gehörig fühlen, aber nicht deshalb, weil sie Touristen wären, längst auf.

Woohoo … Fliegen ist geil!

Die vielen Menschen auf der Flucht sind ein trauriges und besorgniserregendes Zeichen einer Zeitenwende, das Symptom  eines krankenden und an seinen eigenen Absurditäten erstickenden Wirtschaftsmodells, das inzwischen nur noch ein Ziel kennt: sich selbst noch ein kleines Weilchen über Wasser halten zu können, bis der komplette Breakdown kommt. Kennt ihr diese Fünf-vor-zwölf-artige Metapher mit dem Wolkenkratzer? Euphorisiert von den Heilsversprechen der westlichen Wirtschaftsordnung, springt die flugbegeisterte Menschheit beschwingt vom Dach. Bei Stock 100 angekommen, glauben alle noch, viel Zeit bis zur Landung zu haben. Einer flüstert gar etwas von unsanftem, gar tödlichem Aufprall, aber ach, Fliegen ist sooo schön! Und an diesem geilen Gefühl kann auch nicht ändern, dass gerade Stock 50 in Sicht kommt und der Warner immer noch flüstert. Oder war’s 30 oder 10 …? Ach, wer will das schon so genau wissen.

Unser Wirtschaftssystem jedenfalls nicht.

Auf zur Insel der Glückseligen

Der Neoliberalismus hat unsere Weltordnung ans Ende ihres Lateins gebracht. Peak Finance „isch over“, um die Worte unseres Finanzministers, vor ein paar Monaten zur Griechenlandkrise geäußert, zu wählen. Peak Oil sowieso, und jetzt ist halt Peak Capitalism dran. Soll man es hoffen? Soll man es fürchten?

Wie auch immer: Es scheint absurd, dass gerade jetzt so viele Verzweifelte sich in die letzten vermeintlichen Paradiese der Welt aufmachen, wo hier in Europa eigentlich auch schon allerorten der Lack abbröckelt und die Fundamente wackeln. Doch die Leute kommen ja nicht, weil sie was abhaben wollen von dem schönen großen zuckergegussten Konsumkuchen. Sie denken: „Etwas Besseres als den Tod findest du allemal.“ Sie brechen auf, weil ihnen zu Hause viele oder alle Basisgüter versagt bleiben. Weil ihr Leben schlicht in Gefahr ist.

Heiliger Sankt Florian …

Es tröstet uns in gewisser Weise, dass es uns eigentlich gar nicht mehr braucht, um die Erkenntnis zu verbreiten, dass das gesamte Elend mit uns hier in der Stinkreich-und-wirtschaftlich-skrupellos-Welt zu tun hat. Wie auch der Klimawandel, der die Flüchtlingsproblematik auf unheilvolle Weise noch anheizt. Das alles wird inzwischen an allen Ecken und Enden erkannt – und durchaus auch ausgesprochen. Gut so! Schlechter hingegen ist dann schon, dass die Erkenntnisse nicht in sinnvolle Taten münden. Dass alle immer noch gerne Schwarzer Peter spielen:

EU-Land XYZ: „Flüchtlinge aufnehmen? Wie jetzt? Wiiiir? Aber … aber … doch nicht so viele!“

Deutsches Bundesland XYZ: „Flüchtlinge aufnehmen? Wie jetzt? Wiiiir? Aber … “

Deutsche Stadt XYZ: „Flüchtlinge aufnehmen? Wie jetzt? Wiiiir? Aber … “

Wegweiser Basisgüter

Wir werden uns wohl damit auseinander setzen müssen, dass künftig nichts bleibt, wie es einmal war und auch niemals wieder so werden wird. Ist Europa noch eine Wertegemeinschaft? Was ist hier los? Einerseits die aktuellen zähen und bislang ergebnislosen Verhandlungen um Einwanderungsquoten, die einen (ver)zweifeln lassen. Regierungen, die den Neuankömmlingen nach der ersten Großzügigkeit nun wieder die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Andererseits Einheimische, die die Neuen freundlich und hilfsbereit empfangen und ihr Bestes geben, es ihnen hier so erträglich wie möglich zu machen.

Mir kommt das vor, wie wenn sich im Meer zwei Strömungen kreuzen und gegeneinander laufende Wellen erzeugen, die sich gegenseitig stören, überlagern, auslöschen oder verstärken – so genau lässt sich das nicht vorhersagen. Die eisernen Vorhänge, die jetzt wieder zugezogen werden, stehen für ein in seinen letzten Zügen liegendes und sich aufbäumendes Weltwirtschafts- und Gesellschaftsmodell, die Willkommenskultur (wetten, das wird „Wort des Jahres 2015“?) steht für Matrix-Denken: Basisgüter für alle! Gerechtigkeit 3.0 – weil Gerechtigkeit 2.0 – aufgebaut auf dem Fundament des Kapitalismus und irgendwann neoliberalistisch verkleidet – für den Großteil der Menschheit leider Verarschung (sorry for being sincere) war. Und beide finden statt. Zeitgleich. Jetzt.

Wie so oft sind „die Menschen“ (so werden wir ja gerne von den Politikern genannt) mit Herz, Kopf und Hand viel weiter, als „die Politiker“ (die wir wiederum gerne unter diesem Begriff in einen Topf schmeißen). Hoffen wir, dass der eine oder die andere an entscheidenden Schaltstellen das erkennt und was daraus zu machen weiß. Ein Spaziergang wird es nicht werden, weder für uns noch für die Flüchtlinge, da sollten wir realistisch bleiben.

Aber wenn wir dem Wegweiser „Basisgüter“ folgen, vielleicht doch ein Weg, der für alle ein halbwegs gutes Ende nehmen kann. (nö)

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