Denkanstoß

Reichsein auf Syrisch

Münzen, Cents

Mit wenig zufrieden sein? Geht!

Syrien … Wer denkt da nicht sofort an den schon Jahre andauernden schrecklichen Krieg und das Elend und Grauen, das er über die Einwohner dieses Landes bringt? Viele Kunstschätze in Damaskus, Aleppo und jetzt auch Palmyra liegen in Trümmern; in ihrem starr- und stumpfsinnigen Wahn zerstören die Kriegsparteien ein wesentliches Erbe der Menschheit. Was jedoch sicher noch schwerer wiegt als das: Abertausende Syrerinnen und Syrer verlieren ihre Heimat, weil sie fliehen müssen, um sich und ihre Angehörigen zu retten.

Einer dieser ungezählten vom Schicksal Gebeutelten ist Saad, den es nach Siegen verschlagen hat. Dort begegnete er meiner Texterkollegin Julia Dombrowski, die mit einem Bekannten zusammen im vergangenen Jahr ein super originelles Deutschlernprojekt für Flüchtlinge aus aller Herren Länder organisiert hatte. Dieser Tage postete Julia in meinem Lieblingsnetzwerk das Folgende:

„Ein Syrer, der vom Flüchtling zum engen Freund geworden ist, feiert das erste Mal in Deutschland Geburtstag. Eine Freundin, die ein großes Haus hat, hat spontan angeboten, dass er bei ihr eine Party feiern darf (man muss dazu wissen: Saad ist so gesellig, freundlich, offen, aufgeschlossen, lustig und sprachgewandt, dass ihn mittlerweile das halbe Siegerland kennt – zumal er schon ein paar Mal im Lokalfernsehen und in der Zeitung war.) Er hat strikt gesagt: Keine Geschenke! Ich habe jetzt alles, was ich brauche! Die Menschen in meiner Heimat dagegen haben gar nichts! „Saad, aber ein kleines Geschenk …“ „Nein!“ „Wenigstens so eine Kleinigk…“ „Nein!“ „Zumindest ein …“ „NEIN!“ Er ist da wirklich rigoros. (Und „Ich habe alles“ ist schon echt bescheiden. Er wohnt in einem winzigen Wohnheimzimmer mit Bett, Schrank, Tisch und zwei Stühlen, und als er uns neulich zum Essen eingeladen hat, haben wir selbst unser Geschirr mitgebracht. So viel zu „alles“, aber Saad sagt, er lebt in Sicherheit und hat Essen, damit sei er „reich“.)“

Der letzte Satz verschlug mir beim Lesen die Sprache. Vor Rührung. Vor Nachdenklichkeit. Da ist ein Mensch, der alles oder einen Gutteil von „alles“ in seiner Heimat zurücklassen musste, und er spricht ganz lapidar davon, dass er reich sei. Aber, er hat ja Recht! Er ist reich. Oder anders ausgedrückt: Er könnte ärmer (dran) sein: Sein Leben könnte in Gefahr sein, er könnte Hunger und Durst leiden. Er könnte mutterseelenalleine irgendwo knapp überlebt und sich versteckt haben. Er könnte sterbenskrank sein, ohne jegliche Hilfe.

Es kommt eben immer auf den Standpunkt an: Und Saad ist es offensichtlich geglückt, einen einzunehmen, von dem aus er sich reich beschenkt fühlt. Höchste Zeit, sich im eigenen „Luxusalltag“ mit seinen First-world Problems mal wieder die Basisgüter ins Gedächtnis zu rufen. Es sind doch „nur“ sieben. 🙂

Also: Was ist wirklich-wirklich wichtig, und zwar nicht nur dann, wenn es hart auf hart kommt?

Meiner Netzwerkkollegin Julia war die freimütig geäußerte aufrichtige Haltung ihres syrischen Freundes ein Anlass für eine Spendenaktion. Saad soll kriegen, was er sich wünscht – keine Geschenke, versprochen! Dafür soll es Hilfe geben für Menschen, die weiterhin in Syrien ausharren (müssen).

Möchtet ihr spenden? Auch kleine Beträge sind hochwillkommen! Julia sagte mir gerade, dass sie und Saad zu gar nix mehr kommen, weil sie wie gebannt vor der Website kleben und fassungslos staunen, wie viel Geld schon zusammen ist.

https://www.betterplace.org/de/fundraising-events/saad-hat-geburtstag-geschenke-fuer-syrien

(nö)

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