Interview

„Andere haben zu wenig, und uns würde es besser gehen, wenn wir weniger hätten“ (Simone Knapp)

Simone KnappSimone Knapp, Ethnologin und Afrikanistin, beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit dem südlichen Afrika und arbeitet heute bei der Kirchlichen Arbeitsstelle südliches Afrika (KASA). Dort hat sie hauptsächlich mit den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechten zu tun, ein Thema, das sie schon lange begleitet. Sie ist Mitbegründerin der Solidarischen Landwirtschaft (SOLAWI), des Eine-Welt-Zentrums im Karlstorbahnhof, wo sie auch als Geschäftsführerin tätig war, und war treibende Kraft bei der Entstehung des Heidelberger Welthauses. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich auch beruflich intensiv mit den Themen solidarische Ökonomie und dem Grundeinkommen.

 Gutes Leben, was heißt das für Sie ganz persönlich?

Zum einen, dass ich genug zum Leben habe. Auf mein ganz persönliches Leben trifft das auch zu und hat es immer zugetroffen. Es bedeutet für mich aber auch ausreichend soziale Kontakte und soziale Teilhabe, Freunde und Familie zu haben. Außerdem bietet mir ein gutes Leben die Chance, einerseits arbeiten zu können, aber gleichzeitig genug Zeit für mich zu haben, über die ich ohne schlechtes Gewissen frei verfügen kann.

Was bedeutet Suffizienz für Sie persönlich? Fällt Ihnen ein Sinnbild für Suffizienz ein?

Es bedeutet für mich „weniger ist mehr“. Die Frage ist dabei: Wie viele Dinge brauche ich wirklich? Und verschaffen mir diese auch über den Moment des Kaufs hinaus länger Befriedigung? Wenn ich etwa seltener einkaufen gehe, dann tue ich das umso bewusster. Ein Beispiel dafür mag sein, dass meine Kinder Eis nur an besonderen Tagen bekommen. So lernen sie, dass Eis kein Grundnahrungsmittel ist.

Ein griffiges Bild für Suffizienz fällt mir nicht ein, aber zwei Dinge kommen mir in den Sinn: zum einen ein Werbeplakat von „Brot für die Welt“. Es zeigt eine Schüssel mit einer winzigen Portion Reis; darunter steht: „Weniger ist leer.“ Das trifft genau dieses Paradox: Andere haben zu wenig, und uns würde es besser gehen, wenn wir weniger hätten. Das zweite Bild ist das vom Sättigungsgrad: Um glücklich zu sein, brauchen wir eine bestimmte Summe Geld; alles darüber hinaus belastet uns, weil wir zum einen nur noch damit beschäftigt sind, das Geld auch auszugeben und zum anderen unsere Kriminalitäts- und Sicherheitsängste zunehmen. Suffizienz ist, eben genau an diesen Punkt zu gelangen, an dem ich ganz persönlich mit meinem Leben glücklich bin.

Wenn Suffizienz ein Getränk wäre, welches wäre es für Sie und warum?

Mein erster Gedanke dazu war das „Schweppes-Gesicht“: Erst: „Uaaah, bitter!“, und dann: „Boaaar, Erfrischung!“ Es geht darum, das Bittere als selbstverständlichen Bestandteil des Lebens wahrnehmen und durch die Beschäftigung damit zu erfahren, dass ich daran wachsen und etwas Positives daraus entstehen kann. Bei uns gibt es eine gesellschaftliche Tendenz, das Leben zu versüßen und sich nicht mehr mit Problemen auseinander zu setzen, eine Unfähigkeit, sich Problemen zu stellen und Lösungen zu finden. Sicher, von unserem Lebensstandard wegzukommen, wird nicht einfach, sondern hart. Aber muss es deshalb schlecht sein? Das momentan Negative, Schlechte oder Saure kann eben auch immer eine andere Seite haben. Das gilt es, sich wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Auf einer Skala von 0 bis 10: Für wie suffizient halten Sie Ihren aktuellen Lebensstil in Bezug auf die Lebensbereiche „Konsum“, „Ernährung“, „Unterwegs“ und „Zuhause“?

 Konsum: 5, weil es einfach noch zu vieles gibt, wo ich noch mehr tun könnte, beispielsweise in puncto Kleidung. Ernährung: 9, denn ich glaube, hier kann ich kaum mehr tun. Durch SOLAWI machen wir sehr viel selber; ich kaufe keine Fertigprodukte, keine Tetrapaks und meine Familie trinkt fast ausschließlich Wasser aus dem Hahn. Unterwegs: Schwieriges Thema …Ich reise dienstlich einmal im Jahr ins südliche Afrika, das vergrößert natürlich den ökologischen Fußabdruck enorm. Hier in Heidelberg fahre ich allerdings ausschließlich Fahrrad, erledige auch die Einkäufe damit. Wir haben zwar ein Auto, das wird aber fast nur für den Urlaub zum Campen genutzt. Ich würde mir also eine 7 geben. Beim Punkt Zuhause würde ich auch gegen 9 tendieren. Wir haben ein Ökohaus, eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, die mehr Strom produziert, als wir verbrauchen, und eine Regenwasseranlage. Das könnte man eigentlich nur noch steigern, indem wir beschließen würden, im Winter zu frieren – allerdings heizen wir eh hauptsächlich mit Holz. Also im europäischen Vergleich können wir uns da kaum noch verbessern.

Gibt es Bereiche, in denen Sie bewusst verzichten?

Es ist ja so: Wir geben enorm viel Geld aus, um ökologisch sinnvoll zu leben. Das ist ja die Krux daran für diesen Lebensstil muss man Geld haben. Für unsere Freizeitgestaltung geben wir sehr wenig aus, brauchen keine schicken Outdoor-Klamotten und Ähnliches. Ich habe das aber nie als Verzicht empfunden.

Gibt es äußere Einflüsse, die Ihnen eine suffizientere Lebensweise erschweren?

Ja, sehr viele, allem voran die allgegenwärtige Werbung und der Druck, den sie aufbaut. Hat oder kann man bestimmte Dinge nicht, fühlt man sich gesellschaftlich abgehängt. Ein Beispiel wäre hier, per Handy ständig erreichbar sein zu müssen. Dann sind da die politischen Rahmenbedingungen, z.B. die Förderpolitik unserer Regierung. Für mich ist das ganz eng mit der Frage nach einem Grundeinkommen verbunden. Denn wenn ich „weniger ist mehr“ wirklich leben möchte, dann möchte ich auch weniger arbeiten, damit ich mehr Zeit für Soziales habe. Da man aber relativ viel Geld braucht, um suffizient leben zu können, geht es nicht ohne staatliche Subvention – eben in Form eines Grundeinkommens. Das könnte steuerfinanziert sein, allerdings wird auch das Steueraufkommen niedriger, wenn weniger gearbeitet wird. Hier kommt die Umverteilung ins Spiel, die Verteilung von Reichtum, Zugang und Gütern. Wem gehört was? Ein Privateigentum von Boden, Wasser und Luft ist für mich völlig indiskutabel. Das sind Gemeingüter. Die Politik muss also die Rahmenbedingungen liefern. Es ist schon eine Zwickmühle: Damit die Politik reagiert, brauchen wir einerseits eine Masse an Menschen, die anfangen umzudenken. Gleichzeitig brauchen wir aber die Politik, damit die Masse anfängt umzudenken. Dieses Problem muss dringend angegangen werden.

Angenommen wir hätten keinen politischen Apparat, sondern eine Suffizienzfee, was würden Sie sich als Erstes von ihr wünschen?

Sie sollte die Einkommensungleichheit abschaffen und dafür sorgen, dass wir alle die gleichen Möglichkeiten und Ressourcen haben. Es wäre doch hochspannend zu sehen, was passieren würde, wenn man alles ganz gerecht verteilt. Was diejenigen, die bisher gar nichts hatten, mit dem vielen Geld anstellen würden. Eine echte Gleichwertigkeit wäre es allerdings nicht, da wir hier mit Häusern, Infrastruktur usw. besser ausgestattet sind.

Weg von der Fee und zurück zur Realität: Was wäre der aus Ihrer Sicht nächste sinnvolle gesellschaftspolitische Schritt in Richtung Suffizienz?

Das Grundeinkommen würde sehr viel in Gang setzen. Dazu bedürfte es der Einführung einer Vermögenssteuer und eines ganz neuen Besteuerungssystems. Wir müssten das Bruttosozialprodukt abschaffen und das Wirtschaftswachstum als Allheilmittel entthronen. Viel zu viele Ökonomen denken immer noch in der Formel „mehr Wachstum = mehr Beschäftigung = mehr Reichtum“. Dass sie eher dazu führt, dass Menschen eher weniger haben, wissen bisher leider nur wenige. Natürlich muss ich immer bei mir selber anfangen, wenn ich suffizient leben will. Wenn ich aber dabei auch Teil der Gesellschaft bleiben möchte, dann müssen dafür bestimmte politische Grundlagen verändert werden.

 Nächste Woche Im Interview: Hermino Katzenstein (ADFC, „Heidelberg-Kreis Klimaschutz und Energie“ und Bündnis’90 DIE GRÜNEN)

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